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Anläßlich des "Sachsendreier"-Konzertes am 25.10.2003 im AMO Kulturhaus in Magdeburg konnte ich nachfolgendes Interview mit Bernd Aust von electra führen. Der Bandleader von electra hatte sich vorab bereiterklärt, Gesprächspartner für das erste Interview für ostrock24.de zu sein. Dafür nochmals herzlichen Dank von mir.


ostrock24.de: Meine erste Frage. 34 Jahre electra. Die Puhdys haben einmal gesungen, sie rocken bis zur Rockerrente. Wie lange wird electra noch weitermachen?

Bernd Aust: Also das ist ja sowieso eine dämliche Frage, aber die sollst du auch ruhig stellen, dies ist nunmal das Vorrecht der Jugend. Als wir angefangen haben Musik zu machen war dies ein so junges Genre, das keiner gedacht hat, daß man das in dem Alter überhaupt noch machen kann. Ich hatte damals bei mir gedacht, ich hatte Musik studiert und war mit 24 damit fertig, mit 30/35 ist man ein alter Mann und dann sollte man damit aufhören. Aber da ging es dann erstmal richtig los. Und in dieser Zeit hat sich diese Art von Musik so positioniert, daß sie einfach in die Weltkultur eingeflossen ist und ich glaube es ist keine Sache des Alters, sondern eine Sache der Einstellung. Die einen wollen also bis zum hohen Alter kreativ sein, die anderen reproduzieren sich, wie dies ja die Klassiker auch machen, und die anderen steigen später ein oder wechseln das Genre. Das ist eine relative lockere Sache. Wir haben das große Glück zu einer Zeit Musik zu machen, wo der Wechsel der Stile sehr schnell aufeinander folgt, man also auch nicht alt wird, und ob das Publikum sagt, daß ist unsere Musik. Es ist ja Unsinn, daß die jetzt alle Volksmusik hören, bloß weil die alle über 50 geworden sind. Deswegen machen wir halt solange wir noch Lust haben, alle noch gesund sind und solange uns die Leute noch hören wollen. Wir spielen auch nur dort wo sie uns hören wollen, also wir drängeln uns jetzt niemandem auf und sagen "also wir müssen unbedingt in Nordrhein-Westfalen spielen", wir spielen dort wo unser Publikum ist und das ist schon ganz gut.

ostrock24.de: Jetzt ist ja diese Ostalgie-Welle zur Zeit. Überall hört man nur vom Osten und wie schön früher alles gewesen ist usw. Von der ganzen Ostalgie-Welle, hat electra davon auch irgendwie profitiert in den letzten Wochen und Monaten? Kan man davon irgendwo etwas feststellen?

Bernd Aust: Nee, wir gehören ja auch nicht zu den Liebeskindern dieser Berliner Szene, das sind ja immer diese Schlagersänger, die sich da unheimlich hervortuen, und ich will jetzt mal nicht schlecht über die reden, aber ein Schlagersänger hat es, glaube ich, schwerer wie ein Rockmusiker. Ein Schlagersänger muß jung, schön und smart sein. Ein Rockmusiker kann ruhig so alt aussehen, wie er ist. Deswegen muß ich sagen, wir haben eh nie davon profitiert. Ich würde auch diesen Rummel nie machen, weil wir machen Musik aus einer bestimmten Region, ob die nun im Osten oder Westen ist, es war nunmal gerade im Osten. Wir verkaufen auch keine Ostartikel oder spielen mit Ostgitarren, sondern wir spielen mit dem was zu unserer Musik am besten paßt. Ich fand das zwar ein wenig albern, aber auf der anderen Seite ist es ja letztlich auch gerecht.

ostrock24.de: Zum 33jährigen Jubiläum von electra stand ja auch der Gisbert Koreng wieder mit auf der Bühne. Ist da mit ihm oder anderen Musikern geplant wieder öfters gemeinsam Musik zu machen oder war das wirklich nur eine einmalige Sache?

Bernd Aust: Es war einfach mal eine Geste der Erinnerung und ich muß ganz ehrlich sagen wir sind ja noch relativ oft noch unterwegs und wir planen jau auch noch unser 35jähriges Jubiläum und da möchten wir mal Leute einladen mit denen wir zusammen Musik gemacht haben. Ich war ja in der Musikhochschule mit "Mampe" Peter Ludewig zusammen, mit Reinhard Lakomy, den haben wir schon angesprochen, der würde auch mitmachen, und dann versuchen wir noch Conny Bauer, das ist ein ganz genialer Posaunist, daß wir ihn noch dazu einladen und dann noch unser Umfeld, was wir noch in Dresden haben. Vielleicht wird Gisbert Koreng dann wieder mit dabei sein, wir sind da offen und es ist ja auch noch eine Weile hin. Aber wir wissen wen wir nicht einladen.

ostrock24.de: Was auch zur Zeit in ist, sind die ganzen Superstargeschichten, wo Deutschland irgendwen sucht, der dann hochgepowert wird. Was halten Sie von diesen Dingen?

Bernd Aust: Ich meine es ist ein Marketingteil, eine Fernsehshow, und die Leute die da auf der Bühne stehen, auf der einen Seite habe ich Hochachtung vor denen, weil sie sind ja wirklich nicht die dümmsten und die am schlechtesten singen können, aber auf der anderen Seite habe ich auch Mitleid, denn Musik machen ist auch mehr als vor einer Fernsehkamera zu stehen und sozusagen den ersten Platz zu machen. Musik machen ist ja an sich eine Überzeugung. Es gibt tausende von Musikern, die bescheiden in ihrem Metier Musik gemacht haben und noch nie eine Fernsehkamera von vorn gesehen haben die trotzdem für sich Erfolg haben und für sich Spaß haben. Musik ist ja mehr als nur in der Öffentlichkeit stehen. Es gibt ja tausende Bands die unheimlich fleißig jede Woche in ihren Probenraum gehen und dort gutes oder schlechtes machen (das weiß man nicht). Aber jedenfalls ist es ihr Ding und sie haben Spaß dabei und das ist auch der Sinn der Musik. Und wenn man das alles erlebt hat, dann sollte man auch auf eine große Bühne gehen, aber nicht andersrum anfangen. Aber mich läßt das irgendwie kalt, ich rege mich da auch nicht auf, mir ist das scheißegal.

ostrock24.de: Wo sehen Sie die ostdeutsche Musikszene, die ostdeutsche Rockszene in zehn Jahren?

Bernd Aust: Also die ostdeutsche Rock- und Musikszene wie ich sie sehe ist vielleicht etwas deprimierend. Es gab ja zu DDR-Zeiten einen relativ großen Konkurrenzkampf unter den Bands. Wir waren rund 160 professionelle Bands, die auch teilweise Schallplatten veröffentlicht haben, zum großen Teil jedenfalls, und hatten schonen einen sehr starken Wettbewerb untereinander. Wir hatten auch eine Plattenfirma, der mußten wir uns anbiedern, und haben mehr oder weniger jetzt keine Plattenfirma. Also es gibt keine ostdeutsche mehr, jedenfalls keine große. Im Westen sitzen alle anderen, da kommt noch hinzu, daß die Plattenindustrie oder die Tonträgerindustrie ohnehin sehr schweren Zeiten entgegen geht. Es wird einfach so sein, daß die ostdeutschen Bands aussterben werden, das ist nunmal ganz normal. Ihre Musik wird es dann nur noch auf Tonträgern geben. Auch die westdeutschen werden weniger, die Vielfalt die es gab wird ja auch weniger werden. Das ist also nicht nur ein ostdeutsches Phänomen. Da die Plattenfirmen natürlich da drüben sitzen, ich will nicht sagen, daß es die Bands leichter haben, aber der Weg wird kürzer sein. Aber es wird dann auch hier Bands geben, die nicht mehr ostdeutsch sind, sondern die machen einfach Musik. Die haben es dann natürlich ein bißchen leichter, weil die die ganzen Erinnerungen nicht mehr haben sondern einfach ihr Ding machen. Berlin ist die Hauptstadt und in Hamburg gibt es vielleicht ein Plattenstudio und in München diese und in Köln diese und in Sachsen gibt es eben keine. Das weiß man dann und danach muß man sich richten und es ist dann auch nicht mehr interessant wo das ist. Letztlich wird es sich vielleicht einfach vermischen, wie es z.B. im Fußball mal genauso sein wird. Da wird man dann nicht mehr von armen Ostclubs sprechen, da sind die Bayern dann vielleicht mal genauso arm. Es wird eine Zeit dauern. Dieses typische Merkmal gibt es ja bereits heute nicht mehr den jungen Bands. Da sagt keiner mehr Ostband oder Westband, die machen einfach englischsprachige Musik. Was schade ist, ist daß die deutschsprachige Musik natürlich zur Zeit sehr schwer hat. Es gab ja auch mal im Westen sehr starke Tendenzen, also mit Heinz Rudolf Kunze, mit Lindenberg, Grönemeyer. Grönemeyer ist ja auch noch der letzte Fahnenträger sozusagen. So wird es immer in Bewegung bleiben. Die Bewegung wird immer kürzer sein. Man wird dann nicht mehr von solchen Generatioen wir Ostmusik sprechen können. Man wird eben einfach kurzlebiger sein, deswegen muß es aber nicht schlechter sein.

ostrock24.de Nochmal kurz zurück auf diese Ostalgiegeschichte. Zur Zeit touren ja City, Puhdys und Ute Freudenberg, als Ersatz für Karat, durch die alten Bundesländer und machen dort ihre Shows. Sehen Sie das eher so als "Mickey-Mouse- oder Heile-Welt-Darstellung" oder glauben Sie, daß dies doch eine gewisse Chance ist, die Musik in den alten Bundesländern bekannter zu machen.

Bernd Aust: Also ich muß da ganz ehrlich meine Meinung vertreten, die ist sicherlich nicht populär. Damals als es die DDR gab, gab es den eisernen Vorhang, und damals waren die Puhdys und Karat drüben gern gesehen Bands. Auch wir haben drüben gespielt, in kleineren Dimensionen und die Leute waren neugierig. Ich denke sie werden sehr viel für Ostdeutsche spielen die im Westen sind. Es ist für mich kein Problem sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es wird sich eh irgendwie relativieren und egal wo die spielen, ob hier oder im Westen. Sie sollen Musik machen, wenn Sie Spaß dabei haben und die Leute hinkommen, egal wo. Das sind ja auch gerade die Bands, wo man weiß, daß sie auch vor der Wende schon einen Fuß dort drüben in der Tür hatten und da gibt es sicherlich auch einen Markt. Ich finde das ganz okay.

ostrock24.de: Sie spielen bei Ihren Konzerten eigentlich zu 100 % ältere Stücke. Können die Fans noch mit etwas neuem rechnen, mit dem einen oder anderen Lied? Man braucht ja nicht zu sagen wir machen eine ganze CD, aber vielleicht zum 35jährigen sozusagen den Hammer, so als Überraschung?

Bernd Aust: Wir haben ja auch neue Lieder da. Ich muß ganz ehrlich sagen, der Weg eines neuen Liedes der wird einfach nicht mehr so gehen können, wie es vor 12-13 Jahren war. Da gab es einfach einen Rundfunk der sich wirklich mit unserer Musik beschäftigt hat, der hat die Lieder an die Leute rangebracht. Es gab eine Plattenindustrie, die wenn man Glück hatte uns auch veröffentlich hatte und damit den ganzen Markt abgedeckt hat. Das gibt es alles heute nicht mehr und das ist unser Problem, nicht daß wir keine neuen Lieder mehr schreiben. Wir haben auch neue Lieder da und spielen diese auch, allerdings nicht beim Sachsendreier, aber bei unseren eigenen Konzerten das eine oder andere Lied schon. Aber man muß ganz realisitsch sein, ich kann doch nicht, nur um einem Jounalisten gutgemeint zu sagen können "wir spielen neue Lieder, die Leute interessiert es doch nicht. Nehmen wir doch mal ein ganz einfaches Beispiel: Grönemeyer. Wie hat man dessen neue CD vorher gepowert, wie hat man die Leute unter Spannung gesetzt. Warum soll wir dann im heimlichen mit einem neuen Lied ankommen und den gleichen Erfolg haben wollen. Das ist einfach nicht möglich. Das muß man auch wissen und da schämen wir uns nicht. Ich möchte Spaß bei der Musik haben und ich möchte Erfolg an dem Tag haben, wo ich auf der Bühne stehe und die Leute dann nach Hause gehen und sagen "Fand ich toll, das sind meine Lieder und die kenn ich". Und die würden sich genauso freuen wenn wir mit großem Brimborium eine neue CD auf den Markt bringen könnten und es würde vorher im Rundfunk gespielt ohne Ende und käme in den Charts an usw, dann würden die Leute auch gerne ein neues Lied hören wollen. Aber so lange sie nicht konfrontiert werden damit vorher, ist es für sie einfach ein Fremdkörper. Und das sollte man einfach akzeptieren und nicht sagen "Nun haben wir fünf neue Lieder, die müssen wir nun auch unbedingt spielen". Die Leute sind einfach genervt, obwohl sie immer wieder fragen "Macht ihr mal was neues?". Wir haben die Erfahrung einfach gemacht. Es ist so: je größer ein Raum wird, desto komplizierter ist es. Wenn man in einem kleinen Club spielt und sagt "Hier haben wir ein neues Lied, hört euch das mal an". Da sind die Leute sehr aufgeschlossen, weil man da nah dran ist. Aber wenn man einen so großen Raum bespielt wie jetzt (AMO Kulturhaus Magdeburg - Anm. von ostrock24.de), dann müssen die Leute einfach gespannt sein, sie müssen eine Erwartung haben zu dem was da kommt. Die haben natürlich beim Grönemeyer auch Erwartungen gehabt. Die sind ja von den Medien vorher geschürt worden, das find ich auch okay. Bloß wir haben einfach die Möglichkeiten nicht, aus welchem Grund auch immer. Deswegen sind wir auch nicht so riesig interessiert die Leute zu berieseln mit Dingen, womit sie gar nichts anfangen können.

ostrock24.de: Ich war selbst bei dem Konzert in Dresden dabei letztes Jahr zum Jubiläum. Ich war selbst so überrascht, daß das Konzert so ausverkauft war. Hatten Sie vorab mit so einer Resonanz gerecht zu diesem Konzert?

Bernd Aust: Also wir haben darauf gehofft, gerechnet kann man ja nicht immer so sagen und man kann die Tendenz auch irgend wie immer etwas einschätzen am Anfang. Wir haben aber auch alles dafür getan. Sie wissen sicher, ich bin selbst Konzertveranstalter in Dresden. Ich hab es einfach genauso promotet, so als wenn ich Jethro Tull promotet hätte. Da waren das Jahr zuvor rund 1.700 Leute im "Alten Schlachthof" und bei uns waren es rund 2.000 Leute. Es ist aber auch ganz normal, weil es halt ein Jubiläum ist. Wir haben also viel mehr Leute angesprochen. Die Leute wollen einfach sich wohlfühlen, etwas erleben. Wir haben davor nun auch nicht auf jedem Dorf um Dresden gespielt, wir haben uns etwas zurückgezogen. Wir haben ganz einfach alles professionell vorbereitet: mit Rundfunkwerbung, Plakatwerbung, in der Zeitung, im Internet usw. Wir haben gemerkt, wenn man es ordentlich macht, können wir immer noch eine ganze Menge Leute anziehen und dafür stehen wir ja auch auf der Bühne.

ostrock24.de: Eine letzte Frage noch. Welche Wünsche haben Sie noch für ihre Zukunft, beruflich und musikalisch?

Bernd Aust: Also ich kann das ja mal ruhig sagen, ich bin 58. Die Band ist, bis auf die jüngeren auch so in meinem Alter. Ziel ist, daß man gesund bleibt, auch mental. Daß man sich nicht schleppt, sondern Spaß hat. Daß man mal die Augen zumachen kann und nur noch die Musik hört, jeden Titel zwar gleich spielt aber in Nuancen immer wieder neu gestalten kann. Und daß wir vielleicht doch noch einmal die Möglichkeit haben irgendetwas zu veröffentlichen, was für die Leute neu ist. Wir werden also versuchen, nächstes Jahr zum 35. Jubiläum, nochmal unveröffentlichte Songs zusammenzubringen und vielleicht werden wir für diese CD auch ein paar ganz neue Sachen mit einspielen um zu dokumentieren, daß wir auch noch Spaß dran haben. Wir machen es nicht für die Plattenindustrie, sondern wir machen es für uns und wenn die Leute daran Spaß haben ist es doppelt schön.

ostrock24.de: Ich bedanke mich für das Interview.

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